Bei den Erzählsalons kommen Menschen aus der Region zusammen, erzählen ihre Geschichten und hören einander zu. Dabei richtet sich der Blick bewusst auch auf diejenigen, die sich von klassischen Beteiligungsformaten bislang nicht angesprochen fühlen. Persönliche Erinnerungen und Erfahrungen werden dokumentiert und langfristig zu einem vielstimmigen Bild der Region im Wandel zusammengeführt.
Jana Beinlich, Projektmanagerin der Erzählsalons bei der Entwicklungsgesellschaft indeland GmbH, brachte den Ansatz beim Forum auf den Punkt: „Wir erzählen den Strukturwandel über die Menschen. Wir schaffen Räume, in denen sie miteinander ins Gespräch kommen können – über ihre Erfahrungen, ihre Perspektiven und Erinnerungen an den Strukturwandel, aber auch über all das, was im Alltag hier stattfindet und manchmal einfach untergeht.“
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
Wie die Erzählsalons konkret funktionieren, stellte Lena Herlitzius vom Projektteam der Dialog- und Beteiligungsagentur IKU_Die Dialoggestalter vor, die die Erzählsalons im Auftrag der Entwicklungsgesellschaft indeland GmbH organisiert und durchführt. In kleinen Runden erhalten die Teilnehmenden Raum für ihre persönlichen Geschichten. Während des Erzählens stehen diese zunächst unkommentiert im Vordergrund.
Thematisch geht der Blick bewusst über Tagebau und Strukturwandel im engeren Sinne hinaus. „Wir sehen die Erzählsalons nicht nur als Geschichtenerzählen aus der Vergangenheit. Es geht auch um Geschichten der Gegenwart und der Zukunft“, erklärte Herlitzius. Dazu gehört für sie auch der Alltag: wie Menschen einander begegnen, Kontakte knüpfen und sich zu Hause fühlen.
Eine besondere Bedeutung kommt dabei dem Zuhören zu. Das Erzählte wird zunächst nicht kommentiert oder bewertet. Im Anschluss besteht Gelegenheit zum weiteren Austausch. Herlitzius beschreibt die besondere Qualität dieses Ansatzes so: „Ich tauche jetzt in die Welt meines Gegenübers ein, lasse diese Erzählungen wirken und gehe gar nicht darauf ein und reagiere erstmal gar nicht groß darauf.“ Erst nachdem die Geschichten ihren eigenen Raum erhalten haben, folgt der Austausch, auch das sei eine Form der Wertschätzung gegenüber den Erzählenden.
Wie unterschiedlich die Menschen den Wandel wahrnehmen, zeigte beim Forum eine gemeinsame Wortwolke. 156 Teilnehmende beantworteten die Frage: „Welches Wort verbinden Sie mit der Transformation im Rheinischen Revier?“ Besonders häufig genannt wurden Begriffe wie „Chance“, „Energie“, „Heimat“, „Kohlestaub“ und „Zukunft“. Daneben fanden sich Begriffe wie „Umsiedlung“, „Verlust der Heimat“, „Arbeitsplätze“ und „Zukunft gestalten“. So wurde auf einen Blick sichtbar, wie vielfältig die Perspektiven auf den Wandel sind – von Aufbruch und neuen Chancen bis hin zu Verlust und tiefgreifender Veränderung.
Viele Perspektiven auf eine Region im Wandel
Welche Bedeutung solche persönlichen Geschichten über den einzelnen Erzählsalon hinaus haben können, wurde anschließend in einer Gesprächsrunde diskutiert, an der neben Lena Herlitzius von IKU_Die Dialoggestalter auch Kerstin Schierhold vom Projekt „Geschichten Rheinisches Revier“ des Landschaftsverbands Rheinland und Markus Bloser, Geschäftsführer von IKU_Die Dialoggestalter, teilnahmen.
Kerstin Schierhold beschrieb den Wert persönlicher Geschichten so: „Geschichten sind Mikroperspektiven auf den Strukturwandel in der Region.“ Darin werden die persönlichen Erlebnisse und der Umgang der Menschen mit den Veränderungen ihres Lebensumfelds sichtbar. Gerade diese Vielschichtigkeit bezeichnete Schierhold als eine große Stärke der Region.
Aus den unterschiedlichen Stimmen kann zugleich etwas Gemeinsames entstehen. Regionale Identität müsse, so Schierhold, aus „den ganz vielen verschiedenen Stimmen, die hier halt in der Region auch zu hören sind“, bestehen. Die unterschiedlichen Erfahrungen stehen damit nicht im Widerspruch zu einer gemeinsamen regionalen Identität, sondern können gerade ihre Grundlage bilden. Die Herausforderung bestehe darin, diese Vielstimmigkeit sichtbar zu machen und zu einer gemeinsamen Stärke für die Region weiterzuentwickeln.
Markus Bloser, Geschäftsführer von IKU_Die Dialoggestalter, weitete den Blick schließlich auf die Frage, welche Wirkung die Geschichten für die weitere Entwicklung der Region entfalten können. Entscheidend sei, Menschen nicht nur zu informieren, sondern ihre Erfahrungen und Erwartungen tatsächlich in die Gestaltung einzubeziehen. Sein Wunsch sei, Menschen „in die Mitgestaltung“ zu bringen und „weg aus der Konsumentenhaltung“ zu kommen. So können die Erzählsalons dazu beitragen, Erfahrungen sichtbar zu machen, zu dokumentieren, langfristig zu bewahren und weiterzutragen und zugleich Anknüpfungspunkte für die weitere Entwicklung der Region zu schaffen.
Die ersten Erzählsalons werden vorbereitet
Die Erzählsalons haben noch nicht begonnen. Ende Juni laufen die Vorbereitungen für die ersten Veranstaltungen: Gemeinsam mit den Kommunen und weiteren Akteurinnen und Akteuren vor Ort werden mögliche Themen identifiziert, Kontakte geknüpft und Menschen angesprochen, deren Erfahrungen und Geschichten in den Erzählsalons Raum bekommen können. Vorgespräche helfen dabei, lokale Besonderheiten, Geschichten und mögliche Themen für die einzelnen Gesprächsrunden kennenzulernen.
Im Herbst starten die ersten Erzählsalons. Weitere Salons folgen anschließend in mehreren Staffeln in den beteiligten Kommunen. Parallel werden die Geschichten dokumentiert und für die weitere Kommunikation und langfristige Bewahrung aufbereitet.
Beim indeland Forum wurde deutlich, dass aus Erinnerungen und Erfahrungen auch Impulse für die Zukunft entstehen können. „Wie können wir aus dem, was die Menschen uns mitgeben, Andockpunkte an die Zukunft schaffen?“, formulierte Lena Herlitzius eine der zentralen Fragen des Projekts. Genau darin liegt ein zentraler Gedanke der Erzählsalons: die unterschiedliche Perspektive auf den Strukturwandel sichtbar zu machen und die darin enthaltenen Erfahrungen für die gemeinsame Entwicklung der Region zugänglich zu machen.
Weitere Informationen zum Projekt:
erzaehlsalons.de
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indeland GmbH - Projektkommunikation Erzählsalons
Clarissa Camano