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Der Indesche Ozean

Süddeutsche Zeitung / 1. Dezember 2015 - 01.12.2015 17:05

Man kann es ein "Massendefizit" nennen, wie es die Leute in den Behörden tun. Man kann aber auch einfach vom Loch sprechen, wie die Menschen, die hier leben, am Rand des riesigen Kraters, der sich durch die Gegend frisst, durch ihre Häuser und durch ihr Leben. "So etwas würde es heute nicht mehr geben, vielleicht noch in Nordkorea oder China, aber sonst?", sagt Wolfgang Spelthahn, der Landrat von Düren, einem Kreis im Norden von Köln, in dem das große Loch liegt, der Braunkohletagebau Inden, 1500 Hektar groß.

Heute, sagt Spelthahn, wäre ein solcher Tagebau gar nicht mehr durchzusetzen, in einer Zeit, in der sich gegen alles Große eine Bürgerinitiative bildet. Als in Inden vor drei Jahrzehnten die ersten Bagger kamen, sei die Stimmung so gewesen: "Das Land braucht Energie und wir opfern uns." Der Preis war hoch. Ganze Ortschaften verschwanden und wurden woanders wieder aufgebaut, Kirchen gesprengt, Erinnerungen überbaggert, wie es in der Fachsprache heißt. Geblieben ist bei vielen eine Art Phantomschmerz durch das, was nun nicht mehr da ist. Im Gegenzug kamen zumindest Arbeitsplätze, etwa 30 000 sollen es im Tagebau im Westen Nordrhein-Westfalens sein. Die dort unten im Loch schufteten, nennen sich Kumpel, den Blaumann von Rheinbraun trägt man auch gerne bei der Gartenarbeit. Der größte Arbeitgeber hatte lange einen guten Ruf, obwohl er den Leuten ihr Land wegnahm. Mittlerweile gehört Rheinbraun zum Energieriesen RWE, der schwer ins Stolpern geraten ist. "VoRWEggehen" so lautet der Slogan des Konzerns. Im Braunkohlegebiet ist daraus ein "Vorher weg gehen" der Mitarbeiter geworden, weil man befürchtet, der Konzern könnte sich von seinen Tagebauen trennen, noch lange vor dem vereinbarten Ende der Förderung, die bis 2045 laufen sollte. Und am Dienstag hat RWE nun tatsächlich angekündigt, Teile seines Geschäfts abzuspalten, vor allem die Braunkohle und die Atomkraft.

 

Das Wasser wird vielleicht auch die Mentalität der Menschen verändern

Landrat Spelthahn ist nun recht froh darüber, schon vor zehn Jahren mit den Planungen angefangen zu haben, was danach kommt. "Es wird einen Strukturwandel geben ", sagt der Landrat. Es geht wieder um das Massendefizit. Wie ersetzt man die Arbeitsplätze, die verschwinden werden und was kommt in das Loch? Das Wort Strukturwandel kann man im Ruhrgebiet schon nicht mehr hören, weil dort an vielen Orten die Struktur so ist, wie sie vor Jahren schon war, und der Wandel vergessen hat vorbeizuschauen.

Landrat Spelthahn, der auch mal Aufsichtsrat von RWE saß, kann den Strukturwandel dagegen gar nicht erwarten, er reibt sich die Hände und sagt: "Wir haben die Chance unsere Zukunft zu gestalten, das bekommen nicht viele." Was er und seine Mitstreiter vorhaben, ist nicht weniger als die Neuerfindung einer ganzen Region. Anfangs wollten sie das Loch wieder mit Erde zukippen. Viel plattes Land wäre das Ergebnis gewesen. Seit zehn Jahren aber planen sie, die Grube mit Wasser zu befüllen - den Indeschen Ozean haben die Leute das Projekt schon genannt, nach dem Ort Inden, der dem Tagebau seinen Namen gab bevor er weggebaggert wurde.

"Das wird eine spektakuläre Veränderung der Landschaft", sagt Jens Bröker, der Geschäftsführer der Indeland Gesellschaft, die die Zukunft plant. Es wird ein See entstehen in etwa von der Größe des Tegernsees, 1100 Hektar groß. Ein paar Kilometer weiter sollen noch größere Seen geschaffen werden, auch die Tagebaue Garzweiler und Hambach werden wahrscheinlich geflutet, das wären zusammen noch einmal 6500 Hektar Wasserfläche. Es wäre das zweite Mal innerhalb weniger Jahrzehnte, dass eine ganze Region ihr Gesicht verändert. Am Anfang war das platte Land, dann kam das Loch. Und auf einmal wird es eine riesige Seenlandschaft geben. "Das wird auch die Identität der Menschen verändern", sagt Bröker. Wird man hier jetzt mediterran?

"Ein See hat zumindest Wahrzeichenqualität", sagt Bröker. Die Wahrzeichen von Düren und Umgebung sind bisher eher abschreckend, Kohlekraftwerke und das große Loch. Nun soll der See kommen, am Ufer wird es kleine Marinas geben für die Segelboote und schöne Wohngebiete am Wasser. Die Grundstückspreise sollen jetzt schon anziehen. Bisher ist man hier eher weggezogen. Der See, so hoffen sie im Kreis Düren, soll aus der Ab- eine Zuwanderung machen, Köln ist nur vierzig Kilometer entfernt und wächst immer weiter und sucht nach Wohnraum im Umland. Ein bisschen wird es noch dauern, sagt Landrat Spelthahn, bis die ersten Grundstücke am See bezugsfertig sind.

Es ist einer der seltenen Fälle, in denen die Politik ein Projekt beginnt, dessen Verwirklichung manche derer, die jetzt daran mitwirken, nicht mehr erleben werden. "Die Nachwelt soll dann urteilen, ob wir das Richtige getan haben", sagt Spelthahn, 55. Vom Jahr 2035 an soll das Wasser fließen in die bis zu 160 Meter tiefe Grube - dreißig Jahre lang. Es wird Grundwasser kommen, das bisher abgepumpt wird, damit es nicht in die Kohleflöze fließt. Und es wird Wasser aus der Rur abgezweigt, die sich hier ohne h schreibt und ein kleines Gewässer ist. Aber schon nach fünf Jahren soll es einen nennenswerten See geben, in dem man baden und ein wenig paddeln kann. Später sollen die Touristen kommen, Hotels entstehen, in einer Gegend, die man bisher eher übersehen hatte.

Man lebte hier in den vergangenen Jahren ein wenig wie im Sozialismus mit seinen Fünf-Jahres-Plänen. Hier nannte man es den Braunkohleplan, der darüber bestimmte, wie viel ausgebaggert wurde und wer seine Heimat verlor. In fünfzehn Jahren läuft der Plan aus und es wird kein Gras über das Loch wachsen und jene Epoche der brachialen Energiegewinnung. Man wird die Narben mit Wasser zuschütten und etwas Neues schaffen. Auch dazu brauchte man natürlich wieder eine bürokratische Form, den "Abschlussbetriebsplan", der im Indeschen Ozean münden wird.